Samstag, 1. Mai 2010

Beerdigung in Manzamnyama

Heute waren wir in Manzamnyama für eine Beerdigung. Babalwas Mutter ist letzte Woche an Tuberkulose gestorben. Hier draussen scheint TB ein viel grösseres Problem zu sein als Aids ... Babalwas Mutter war schon lange krank, ich habe sie nicht gut gekannt aber sie sah immer sehr müde aus.

Aidan und ich kamen beim Haus an als die Festlichkeiten schon in vollem Gange waren. Sie hatten ein grosses Zelt aufgestellt im Garten, und da sassen hunderte von Dorfleuten. Aidan fragte, und, wo setzen wir uns hin? Ich sagte, na ich hier (bei den Frauen auf den Boden) und du dort (bei den Männern auf den Stühlen). Es dauerte kaum fünf Minuten, da sah ich Aidan hinter einem andern Mann hergehen, der ihn ins Zelt hinein führte, wo die wichtigeren Männer sassen, und ihm einen Stuhl am Ende der Reihe zuwies. Die Frauen um mich herum schickten mich auch in diese Richtung, und so rückte ich ebenfalls näher ans Geschehen und setze mich neben Aidan auf den Boden. Hinten im Zelt waren die Geistlichen, und der Sarg war dort aufgebahrt. Auf der rechte Seite der Zeltwand entlang sassen die wichtigeren Männer, die Dorfältesten und so. Links standen die Frauen, die derselben Kirche angehören wie die Verstorbene. Sie trugen alle lange, blau-weisse Gewänder und weisse Hüte, fast wie Bäcker-Hauben, und sangen Lieder zwischen den verbalen Gewitterstürmen der Geistlichen. Der Rest des Zeltes war angefüllt mit Frauen, die dicht an dicht, Schulter an Schulter, am Boden sassen. Weiter draussen sassen noch weitere Männer auf Stühlen entlang dem Zaun, aber IM Zelt waren praktisch nur Frauen. Die Geistlichen donnerten ihre Reden in die Runde, manchmal klatschten die Leute, manchmal lachten sie, und dann stimmten die Kirchenfrauen wieder ein Lied an. Ihre Stimmen jagen mir immer noch eine Gänsehaut über die Arme. Wie sie so a capalla einfach fünfstimmig singen, und dazu die Trommel schlagen und ein paar Klangschalen und Rasseln. Nach etwa Dreiviertelstunden schien die Messe vorbei zu sein, und die Leute standen auf und gingen ins Feld hinaus. Ich konnte nicht viel sehen da ich mitten zwischen den Frauen war. Hunderte von Füssen die durchs hohe Gras streichen. Wind der an den Röcken zerrt. Das Grab ist mitten im Feld, ein grosses Loch, und am Boden vom Loch noch ein zweites, kleineres. Um das Grab und den Sarg herum standen nur Männer. Die Frauen sassen weiter hinten im Feld. Nach einer weiteren donnernden Ansprache vom Pfarrer wurde der Sarg ins kleine Loch hinunter gehoben, und dann legten sie ein paar Pfosten quer übers Loch und ein paar Strohmatten über die Pfosten. Und dann füllten sie das grosse Loch mit Erde. Die jungen Männer schnappten sich einen Spaten und begannen zu schaufeln, und sobald einer langsamer wurde kam ein anderer von hinten um ihn abzulösen. Aidan stand mit den Männern am Grab. Ich sass weiter hinten bei den Frauen, etwa auf gleicher Höhe mit Babalwa, die wie alle anderen Zuschauer anonym in der Menge sass, still wie eine Statue. Nebendran standen die Kirchenfrauen, und während die Männer schaufelten kam einer der Geistlichen und heitzte den Chor an, warf weitere donnernde Worte an die Frauenmenge und liess den Chor wieder ein Lied anstimmen. Als das Grab zugeschaufelt war standen die Frauen auf und gingen am Grab vorbei, und jede warf eine Handvoll Erde drauf. Danach gingen sie zurück zum Zelt, und auf dem Weg dorthin wuschen sie sich die Hände in einem grossen Waschzuber.

Als alle wieder im Zelt versammelt waren, begannen die Frauen, Essen auszugeben. Sie bildeten eine lange Schlange und reichten die Teller weiter zu den Stuhlreihen der Männer, bis alle Männer gegessen hatten. Während die vollen Teller noch nach links wanderten in den Händen der Frauen, wanderten die leeren nach rechts, zurück in die Küche. Ein Fliessband von Frauen. Dann kam der Tee, und Brot. Und schliesslich Amarheu, ein lokales Getränk. Und erst als alle Männer bedient waren und bereits begannen aufzustehen und zu gehen, kamen die Frauen an die Reihe, die die ganze Zeit geduldig im Zelt am Boden gesessen hatten. Und alles nochmal von vorn. Aidan und ich haben immer Sonderstatus, ich bekam einen Teller mit Essen während die Männer bedient wurden, und wir sassen nebeneinander am Boden und teilten uns einen Teller. Egal wie oft man ablehnt, man kriegt trotzdem Essen - es ist unmöglich, nein zu sagen. Und wahrscheinlich auch unhöflich. Hinter dem Zelt, in den beiden Hütten (dem Haus von Babalwas Familie) spielten die Kinder. Und überall rannten Hunde herum. So viele Menschen. Alle freuten sich dass Aidan und ich auch teilnahmen, viele Frauen kamen und schüttelten meine Hand und fragten nach meinem Befinden und wo ich wohne und woher ich komme.

Da die meisten Männer bereits aufgebrochen waren, beschlossen wir, dass uns nun wohl erlaubt sei, ebenfalls zu gehen. Wir verabschiedeten uns von Babalwa, die noch in der Küche beschäftigt war, und traten den Rückweg durchs Dorf an. Es ist schon komisch - ich habe niemanden weinen gesehen. Der Tod scheint hier einfach zum Leben dazu zu gehören. Er ist noch nicht so abwendbar wie in unserer westlichen Zivilisation. Hier sterben die Leute halt einfach. Und das Leben geht weiter.

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